AKW Zwentendorf - eine Erfolgsgeschichte (seit 2005)

Wir erzählen die Erfolgsgeschichte vom Atomkraftwerk, das nie Strom produziert hat. Das AKW Zwentendorf prägte die Entwicklung der österreichischen Energiepolitik und wurde zu einem Ort, der viele fasziniert – ein ganz besonderes Stück österreichischer Zeitgeschichte.

Viele kennen es, einige erinnern sich an die Proteste und manche sind sogar schon daran vorbeigefahren: Das AKW Zwentendorf ist das erste und einzige Atomkraftwerk in Österreich und zudem das sicherste der Welt – weil es nie in Betrieb genommen wurde. Jeden Tag fahren hier neugierige Radfahrer*innen vorbei und fragen sich, was es mit dem Kraftwerk im Tullnerfeld direkt am Donauradweg auf sich hat: Warum ist es gescheitert und was passiert dort heute?





Bau und Widerstand


Niederösterreich in den 70er Jahren: Ein stark wachsender Strombedarf nährt damals die Sorge, dass nicht genügend Strom vorhanden sein könnte. Weil Atomenergie damals als gute Lösung in der Energieversorgung gilt, will Österreich ins Geschäft einsteigen und beginnt 1972 mit dem Bau eines Atomkraftwerks in Zwentendorf, etwa 40 km Luftlinie entfernt von Wien. 1050 Räume werden mit Maschinen und Technik ausgestattet und rund 200 Mitarbeiter*innen für den Betrieb des AKWs ausgebildet.


Noch während dem Bau regt sich jedoch Widerstand in der Bevölkerung – man zweifelt an der Sicherheit der Atomkraft. Langsam formieren sich die Gegner*innen der Kernenergie und beginnen mit Protesten gegen das AKW Zwentendorf, die bald immer heftiger werden. Die Atomkraftgegner*innen stellen sich gegen die Mächtigen des Landes: die SPÖ-Regierung unter Bundeskanzler Bruno Kreisky, die Gewerkschaft und die Industrie- und Handelskammer. Beim „Sternmarsch“ marschieren 20.000 Menschen in großer Hitze von Tulln nach Zwentendorf. Auch die Befürworter*innen der Atomkraft gehen mit Transparenten auf die Straße. Das AKW spaltet damals zwar keine Kerne, aber Meinungen im ganzen Land.


Diskutiert wird nicht nur auf der Straße, sondern auch innerhalb von Familien und zwischen Freund*innen. Sogar Kreiskys eigener Sohn ist Gegner vom Kraftwerksbau in Zwentendorf. Obwohl die Diskussion um das Kernkraftwerk die Wogen hochgehen lässt, verlaufen alle Demonstrationen friedlich.  


Atomkraft: ja oder nein?


Währenddessen ist das Kraftwerk fertiggestellt und Kreisky sagt im Kampf für die Inbetriebnahme des AKWs: „Das Werk hat Milliarden gekostet und es darf nicht verrotten!“ Er beschließt, das Volk über die Inbetriebnahme des Kraftwerks abstimmen zu lassen und erwartet jedenfalls eine Mehrheit für sein Vorhaben. So kommt es am 5. November 1978 zu einer Volksabstimmung, bei der eine knappe Mehrheit von 50,47 % gegen die Inbetriebnahme des fertigen Atomkraftwerks stimmt. Obwohl Kreisky und viele andere die Hoffnung nicht aufgeben wollen, bleibt es auch in den Jahren danach dabei. Die Abstimmung bedeutet einen Wendepunkt in der österreichischen Energiepolitik. Im selben Jahr beschließt der Nationalrat das „Atomsperrgesetz“, das ein Verbot der Nutzung der Kernspaltung für die Energieversorgung in Österreich vorschreibt. Dieses wird 1999 zum Verfassungsgesetz und ist bis heute in Kraft.


Ort des Scheiterns


Nach dem Ausgang der Abstimmung stellt sich 1978 die Frage: Was passiert jetzt mit dem AKW Zwentendorf? Erst mal: gar nichts. Man will abwarten, ob sich die öffentliche Meinung nicht doch noch ändert und schickt das Atomkraftwerk in einen „Konservierungsbetrieb“. Sieben Jahre lang erscheint ein Großteil der Mitarbeiter*innen täglich zur Arbeit und hält das Werk in Schuss. Weil die Kosten dafür aber mit der Zeit zu hoch werden, beginnt man ab 1985 mit dem Verkauf von einzelnen Teilen der Anlage. Als schließlich die Mitarbeiter*innen aus Zwentendorf zum benachbarten Ersatzkraftwerk Dürnrohr abwandern, ist endgültig klar: Das AKW Zwentendorf wird nie in Betrieb gehen. Obwohl hier nie eine Kilowattstunde Strom aus Kernenergie erzeugt wurde, verschlingt das AKW am Ende insgesamt 14 Milliarden Schilling – über eine Milliarde Euro. Diese Kosten können auch durch die Nutzung als Ersatzteillager für andere Kraftwerke nicht mehr eingespielt werden, die Teile sind schnell nicht mehr auf dem modernsten Stand der Technik.


In den Jahren danach gibt es viele Ideen, was aus dem gescheiterten Kraftwerk werden soll: So hat der berühmte Künstler Friedensreich Hundertwasser die Idee, ein Museum der gescheiterten Technologien daraus zu machen und Udo Proksch will einen "Friedhof der Senkrechtbestattung" einrichten. Diese Ideen scheitern ebenso wie der Versuch, Zwentendorf als Kulisse für einen Hollywood-Film zu nutzen. 


Eindrücke aus einer anderen Zeit - das AKW Zwentendorf von innen.

Neubeginn


Im Jahr 2005 kauft die EVN das AKW Zwentendorf und baut es zum Rückbau- bzw. Sicherheits-Trainingszentrum um. Neben wertvollen Nutzungs- und Leitungsrechten, die auf dem Grundstück liegen, sichert sich die EVN dadurch ein Kraftwerk mit Alleinstellungsmerkmal. Denn Zwentendorf hat etwas, dass kein anderes Kraftwerk bieten kann: Es ist das einzige Atomkraftwerk, bei dem man sich einen Reaktor von innen ansehen kann. Sowohl für Forscher*innen als auch für Techniker*innen ist das interessant. Allein in Europa gibt es ein paar Dutzend ähnlicher Kernkraftwerke, die nach Ablauf ihrer Lebensdauer außer Betrieb gehen und abgebaut werden müssen. Wie man das gefahrlos macht, können Techniker*innen im Atomkraftwerk Zwentendorf in einer realistischen Umgebung üben, die bei einem Kraftwerk im Betrieb nicht begehbar ist. 


Diese Einzigartigkeit und die vielen Geschichten um das Kraftwerk ziehen bis heute viele Menschen an und machen Zwentendorf zu einem Ort der Begegnung. Am Gelände finden verschiedene Veranstaltungen wie das jährliche Musikfestival „Shutdown“ statt. Außerdem werden die Räume für Firmenevents und Workshops vermietet. Gerne wird das Gebäude auch Einsatzkräften wie Polizei, Feuerwehr und Rettung zu Trainingszwecken zur Verfügung gestellt. Regelmäßige Führungen bieten Besucher*innen die Möglichkeit, ein Stück Zeitgeschichte hautnah zu erleben. Bis zu 15.000 Menschen besuchen das historische Kernkraftwerk jährlich.


  • Nach wie vor ist das AKW Zwentendorf jedoch kein Museum, sondern ein Kraftwerk. Seit 2009 wird hier sogar Strom aus der Kraft der Sonne erzeugt – auf den Dächern und auf dem Gelände steht eine große Photovoltaikanlage.


Zwentendorf setzt somit ein Zeichen für eine erneuerbare Energiezukunft und lässt durch seine Geschichte erkennen, dass Scheitern und Erfolg manchmal näher beisammen liegen, als man denkt. Klar ist jedenfalls: Die Proteste um den Bau des AKWs bedeuten damals eine Sackgasse für die Kernenergie in Österreich und führen neben anderen Ereignissen zu einem neuen Bewusstsein beim Umweltschutz. Die Geschichte vom Scheitern der Atomenergie in Zwentendorf ist weltweit einzigartig.


Wenn du zur Geschichte von Zwentendorf noch etwas ganz genau wissen willst oder dir das Kraftwerk selbst ansehen möchtest, bekommst du alle Infos hier: https://www.zwentendorf.com/ oder per Mail an evn.archiv@evn.at.